Bestattungen Serway

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Sonderheft "Chancen", Wochenzeitung "ZEIT", 10.10.2013

Der Tod anderer Menschen begegnet Jule Serway an jedem Arbeitstag. Ganz bewusst hat sie sich dafür entschieden, als Bestatterin im Familienunternehmen ihrer Eltern zu arbeiten. Sie hat diesen Schritt nie bereut.

Es ist der erste kalte Tag im September, als sich Jule Serway auf den Weg zur Beerdigung macht. Dunkle Wolken hängen über dem Ermstal bei Stuttgart, auf den Dächern versuchen Handwerker die Hagelschäden des vergangenen Monats zu reparieren, und in der evangelischen Kirche in Riederich fällt einem großen Mann in dunklem Anzug auf, dass er etwas Wichtiges vergessen hat. Kurze Zeit später klingelt das Handy von Jule Serway. "Papa" steht auf dem Display, sie hebt ab: "Ja, ich besorg noch den Trauerflor, Papa." Jule Serway steuert den nächsten Blumenladen an. Wenig später ziert ein schwarzes Band das Bild einer alten Dame mit grau gelocktem Haar – sie ist vor einigen Tagen gestorben. "Sind Sie die Enkelin?", fragt eine Kirchenbesucherin, die Jule Serway vor dem Foto beobachtet hat. "Nein", sagt Serway und lächelt freundlich. "Ich bin vom Bestattungsunternehmen.

"Jule Serway ist 23 Jahre alt und hat vor vier Jahren ihr Abitur gemacht. Während ihre Freundinnen nach Heidelberg oder München zum Studieren gegangen sind, ist sie als Einzige dort geblieben, wo sie aufgewachsen ist. In Dettingen an der Erms: Knapp 10.000 Einwohner, 500 Betriebe, davon zwei Bestattungsunternehmen. Eines davon gehört Jule Serways Vater – bei ihm hat sie ihre Ausbildung zur Bestatterin gemacht. Statt für den Master zu büffeln, besucht Jule Serway hundert Beerdigungen pro Jahr. Statt mittags in die Mensa zu gehen, kocht nun die Mutter für sie das Essen. Und statt sich von ihren Eltern finanzieren zu lassen, verdient sie ihr eigenes Geld. "Ich wollte nach dem Abschluss selbstständig werden und Lebenserfahrung sammeln", sagt Jule Serway und hockt sich auf die hinterste Bank in der Kirche. "Vom Lernen hatte ich erst mal genug."

Nach der Beerdigung fährt Jule Serway zum Haus ihrer Eltern zurück, dem Sitz von Bestattungen Serway, einem Drei-Mann-Unternehmen: Vater, Tochter und Mutter. Draußen hängt ein Basketballkorb, drinnen stellt Mutter Ingeborg Maultaschen auf den Tisch. Wie viele Menschen waren bei der Beerdigung? Hat der Trompeter das Grab gefunden? Wie war die Predigt? Der Vater fragt, die Tochter erzählt. Und andersherum. "Das geht bei uns seit elf Jahren so zu", sagt die Mutter. Damals hat ihr Mann angefangen, neben seinem Beruf als Schreiner als Bestatter zu arbeiten. Viele Tischler, Schreiner oder Fuhrunternehmer auf dem Land tun das, es bietet sich als zweites Standbein an. Bestatter ist noch kein geschützter Beruf – man braucht dafür nur einen Gewerbeschein.

"Am Anfang habe ich nicht gemerkt, dass mein Vater jetzt auch Bestatter war, doch das Thema Tod wurde immer mehr in unserem Alltag präsent", sagt Jule Serway. Plötzlich riefen spätabends oder am Wochenende trauernde Menschen an. Vor dem Haus stand immer öfter ein langer Wagen mit gefalteten Stoffvorhängen an den hinteren Scheiben. Später wurde die Garage zur Werkstatt umfunktioniert, in der Uwe Serway die Särge auspolstert, mit Matratzen und Sägespäne. Mit 15 Jahren schon half die Tochter im Büro, gab die Formulare über die Verstorbenen in Excel-Tabellen ein. Mit 16 nahm sie ihr Vater zum ersten Mal zu einer hygienischen Versorgung mit – jener Prozedur, bei der die Verstorbenen gewaschen, eingecremt und eingekleidet werden. "Ich war beeindruckt, wie ein Mensch danach aussehen kann", sagt Jule Serway. In der 10. Klasse hat sie ihr Berufspraktikum dann in Reutlingen beim städtischen Bestattungsdienst gemacht. "Da habe ich gemerkt, dass zum Beruf mehr gehört, als Verstorbene zu waschen und in den Sarg zu legen." Formalitäten mit den Ämtern regeln etwa, die Trauerfeier organisieren – und mit Angehörigen sprechen. In der 13. Klasse war Jule Serway klar: Sie wird nicht, wie ursprünglich geplant, Psychologie studieren, sondern sich zur Bestattungsfachkraft ausbilden lassen.

"Insgeheim hatte ich mir das erhofft", sagt ihr Vater. "Aber mir war wichtig, dass es ihre freie Entscheidung ist. Wenn es nicht von innen kommt, kann man den Beruf nicht ausüben." Bei Jule Serway kommt es von innen. "Ich möchte den Verstorbenen einen würdigen Abschied bereiten, ich fühle mich bei meiner Arbeit in die Angehörigen hinein." Manche Momente nehmen Jule Serway besonders mit. Wenn der Tod überraschend kommt, es einen Unfall gab, jemand im Alter ihrer eigenen Eltern stirbt – oder ein Kind. Dann passiert es, dass, sobald sie im Auto sitzt, alle Zurückhaltung von ihr abfällt, sie weint und sich fragt: Warum? "Mein Vater und ich stärken uns in solchen Augenblicken gegenseitig", sagt Serway. "Die Trauer der Angehörigen auszuhalten ist schwierig. Doch wenn mich die Gespräche mit ihnen irgendwann nicht mehr berühren sollten, dann höre ich auf."

"Das Psychologiestudium habe ich nicht ganz zu den Akten gelegt"

Eineinhalb Jahre nach ihrer Gesellenprüfung sind Jule Serway und ihr Vater längst ein eingespieltes Team. "Wer fährt gleich wohin?", fragt Uwe Serway und schaut auf die Uhr. Es ist halb vier. Zwei Todesfälle gab es seit gestern Abend, eine Frau war in ihrer Wohnung und ein Mann im Krankenhaus gestorben. Mit den Angehörigen der Frau hatte sich der Vater schon am Morgen getroffen, mit denen des Mannes hat die Tochter gesprochen. Sie haben sich gewünscht, am offenen Sarg in Ruhe Abschied zu nehmen. Und Jule Serway hat ihnen versprochen, den Schlüssel zum Aufbahrungsraum heute noch zu übergeben. Doch damit der Verstorbene dorthin überführt werden kann, muss das Standesamt den Todesfall beurkunden – dafür bleibt noch eine halbe Stunde Zeit. Also hievt Vater Uwe den leeren Sarg aus der Garage in den Wagen und macht sich auf den Weg ins Krankenhaus. Auch Jule steigt ins Auto: Sie holt die Urkunden und trifft sich danach mit ihrem Vater in der Pathologie.

Der Raum dort ist weiß gekachelt, es riecht nach Formaldehyd, der Verstorbene liegt auf einem Tisch. "Das ist die Hülle des Menschen", sagt Uwe Serway. Es ist für einen Augenblick still. Dann ziehen sich Vater und Tochter grüne Schutzkleidung über, packen die mitgebrachten Koffer mit den Pinzetten, den Desinfektionsmitteln und dem Wachs aus und fangen mit der Arbeit an. Sie waschen den Leichnam, säubern die Fingernägel, kämmen das Haar, kleiden ihn ein. Es fällt kein Wort. "Wir verstehen uns blind", sagt Uwe Serway. Auch wenn seine Tochter manches anders macht als er. Während der Vater sich alles merken kann und Traueranzeigen mit dem Bleistift auf Papier zeichnet, gestaltet die Tochter diese gleich am Computer und spricht bei Fragen ihr Bestatter-Netzwerk an. Für das Unternehmen hat sie eine Homepage und eine Facebook-Seite eingerichtet – und moderne Särge ins Programm genommen. Irgendwann will sie diese den Angehörigen auf dem Tablet zeigen, Uwe Serway hält sich lieber an den Papier-Katalog.

Kann Jule Serway sich vorstellen, für immer in Dettingen zu bleiben, das Familienunternehmen zu übernehmen? "Das Psychologiestudium habe ich nicht ganz zu den Akten gelegt", sagt sie. Doch: Bestatterin ist ihr Traumberuf. "Er ist sehr vielfältig. Man sitzt im Büro, ist aber auch oft unterwegs." Und man bekäme viel zurück von den Angehörigen. "Wenn sie hinterher sagen: Es war schön, auch wenn der Anlass traurig war, dann heißt das, wir haben unsere Arbeit gut gemacht."

Jule Serways Freund ist ebenfalls Bestatter. Mit ihm kann sie über Dinge reden, bei denen die Freundinnen nur noch abwinken und sagen: "Jule, das ist jetzt too much." Sie möchte sich weiterentwickeln, mal in ein anderes Bestattungsinstitut schauen, vielleicht in den USA. Zurzeit macht sie ihren Meister.

Jule Serway hat aufgeschrieben, wie sie selbst einmal beerdigt werden möchte: in einem Friedwald, ihr iPod soll vor der Einäscherung mit in den Sarg. "Je älter man wird, desto mehr setzt man sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinander", sagt Jule Serway. Der Zettel liegt in der Nachttischschublade in ihrer Zweizimmerwohnung, rund einen Kilometer Luftlinie vom ihrem Elternhaus entfernt: Direkt nach der Ausbildung ist Jule Serway von daheim ausgezogen. "Ich war drei Jahre ununterbrochen mit meinen Eltern zusammen. Am Ende sind wir uns auf die Nerven gegangen." Um in ihr Zimmer zu kommen, musste sie durchs Büro. Und wenn es abends noch etwas zu tun gab, war sie nur ein paar Schritte entfernt. Durchatmen, Feierabend machen – das ging nicht. "Vorher haben wir den Stress aus dem geschäftlichen Bereich oft in den privaten übertragen", sagt der Vater. Nun kann Jule heimgehen und das Bestattungsinstitut hinter sich lassen.